Der Headless-Hype — und die Realität
"Headless Commerce" ist seit ein paar Jahren das Buzzword im E-Commerce. Jede Agentur bewirbt es, jede Konferenz hat einen Vortrag dazu. Und ja — für bestimmte Unternehmen ist es die richtige Architektur. Aber für die Mehrheit der Shopify-Händler ist es Overengineering.
Dieser Artikel gibt Ihnen das Wissen, um selbst zu entscheiden. Keine Verkaufsshow, sondern eine ehrliche technische und wirtschaftliche Analyse.
Was Headless Commerce wirklich bedeutet
Bei einem normalen Shopify-Shop sind Frontend und Backend eine Einheit. Sie wählen ein Theme, passen es an, und Shopify rendert die Seiten für Ihre Besucher. Einfach, schnell, wartungsarm.
Bei Headless Commerce trennen Sie diese Schichten. Shopify bleibt das Backend (Produkte, Bestellungen, Zahlungen, Checkout), aber das Frontend — also das, was Ihre Kunden sehen — bauen Sie komplett selbst als eigenständige Web-Applikation.
Die technische Architektur
In der klassischen Architektur empfängt Shopify die Anfrage, rendert das Liquid-Theme und schickt die fertige HTML-Seite zurück.
Bei Headless empfängt Ihre Custom-App (z.B. auf Vercel) die Anfrage, holt Daten von der Shopify Storefront API via GraphQL, rendert die Seite selbst (React/Next.js) und schickt die fertige Seite an den Browser.
Das klingt nach mehr Aufwand? Ist es auch. Die Frage ist: Wofür?
Die echten Vorteile von Headless
1. Unbegrenzte Design-Freiheit
Shopify Themes sind mächtig, aber sie haben Grenzen. Wenn Sie ein völlig individuelles Erlebnis bauen wollen — interaktive 3D-Produktkonfiguratoren, immersive Storytelling-Seiten, App-ähnliche Interfaces — dann stoßen Sie mit Liquid irgendwann an Wände.
Mit Headless haben Sie die volle Macht von React, Three.js, WebGL und jedem anderen Web-Tool zur Verfügung. Keine Template-Einschränkungen, keine Theme-Konventionen.
Echtes Beispiel: Ein Möbelhersteller wollte einen 3D-Raumplaner, in dem Kunden ihre Möbel virtuell platzieren können. Mit Liquid unmöglich. Mit einer Headless React-App mit Three.js: machbar.
2. Maximale Performance
Hier wird es interessant. Shopify Themes sind generell schnell — Shopify betreibt ein exzellentes CDN und optimiert den Liquid-Rendering-Prozess. Aber ein gut gebautes Headless-Frontend kann noch schneller sein.
Warum? Weil Sie die volle Kontrolle haben:
- Server-Side Rendering mit Streaming: Die Seite wird auf dem Server gerendert und in Chunks an den Browser gestreamt. Der Besucher sieht die ersten Inhalte, bevor die Seite fertig geladen ist.
- Granulares Code-Splitting: Nur der JavaScript-Code wird geladen, den die aktuelle Seite wirklich braucht.
- Edge Computing: Ihre App läuft auf Edge-Servern weltweit — Millisekunden von Ihren Kunden entfernt.
- Statisches Generieren: Produktseiten können bei Build-Zeit vorgerendert werden. Kein Server-Rendering nötig.
Die Realität: Ein schlecht gebautes Headless-Frontend ist langsamer als ein gut optimiertes Shopify Theme. Performance ist kein automatischer Vorteil von Headless — es ist ein möglicher Vorteil, der aktive Arbeit erfordert.
3. Omnichannel mit einer Datenbasis
Wenn Sie neben dem Webshop auch eine Native App, einen Kiosk-Mode im Laden oder eine Smart-TV-App brauchen — Headless macht es möglich. Alle Frontends greifen auf dieselbe Shopify-Datenbasis zu.
4. Maximale SEO-Kontrolle
Sie kontrollieren jedes Detail der URL-Struktur, der Meta-Tags, der strukturierten Daten und des HTML-Markups. Für Shops, bei denen organischer Traffic der Hauptkanal ist, kann das einen spürbaren Unterschied machen.
Die echten Nachteile (die keiner gerne erwähnt)
1. Sie verlieren den Theme Editor
Der Shopify Theme Editor ist ein mächtiges Tool. Marketing-Teams können Banner ändern, Sections verschieben, Farben anpassen — ohne einen Entwickler zu brauchen. Bei Headless gibt es das nicht mehr.
Jede Änderung am Frontend — sei es ein neues Banner, eine andere Reihenfolge der Sections oder ein neuer Farbton — braucht einen Entwickler. Das ist in der Praxis oft der größte Schmerzpunkt.
Workaround: Sie können ein Headless CMS wie Sanity, Contentful oder Strapi anbinden. Das gibt Content-Redakteuren Flexibilität, ist aber zusätzliche Komplexität und Kosten.
2. Der Checkout bleibt bei Shopify
Egal wie custom Ihr Frontend ist: Den Checkout können Sie nicht ersetzen. Kunden werden für den Checkout auf Shopifys Domain weitergeleitet. Das ist aus Sicherheitsgründen sinnvoll, kann aber einen visuellen Bruch erzeugen.
Shopify bietet Checkout Extensions, mit denen Sie den Checkout anpassen können — aber die Grundstruktur bleibt Shopifys.
3. Höhere laufende Kosten
Ein Headless-Setup kostet dauerhaft mehr:
| Kostenpunkt | Theme-basiert | Headless |
|---|---|---|
| Shopify-Abo | Ab 36€/Monat | Ab 2.300€/Monat (Plus empfohlen) |
| Hosting Frontend | Inklusive | 50-500€/Monat |
| Headless CMS | Nicht nötig | 0-500€/Monat |
| Wartung/Updates | Minimal | 500-2.000€/Monat |
| Entwickler-Verfügbarkeit | Theme-Devs sind günstig | React/Next.js-Devs sind teurer |
4. Langsamere Iteration
Eine Änderung im Shopify Theme Editor dauert 5 Minuten. Dieselbe Änderung in einem Headless-Setup: Code schreiben, Review, Deployment, Testing. Minimum 1-2 Stunden, oft mehr.
Für Shops, die häufig A/B-Tests fahren, saisonale Landingpages erstellen oder ihr Design iterieren, kann das ein echtes Problem sein.
5. App-Kompatibilität
Viele Shopify-Apps funktionieren über Theme-Blöcke oder Script-Tags. Bei Headless fallen diese weg. Für jede App müssen Sie prüfen:
- Hat sie eine API oder ein SDK, das Sie im Custom-Frontend nutzen können?
- Oder müssen Sie die Funktionalität selbst bauen?
Beispiele: Bewertungs-Apps (Judge.me, Loox), Wishlist-Apps, Upsell-Apps — all das müssen Sie entweder über APIs anbinden oder selbst implementieren.
Hydrogen: Shopifys Antwort auf Headless
Hydrogen ist Shopifys offizielles Framework für Headless Commerce. Es basiert auf Remix (React) und ist speziell für Shopify optimiert.
Was Hydrogen gut macht
- Shopify-Integration out of the box: Authentifizierung, Warenkorb, Checkout — alles vorkonfiguriert
- Starter Templates: Sie müssen nicht bei Null anfangen
- Oxygen Hosting: Shopifys Edge-Hosting-Plattform, in Plus inklusive
- Commerce-optimiert: Eingebaute Hooks und Komponenten für Produkte, Collections, Search
Was Hydrogen weniger gut macht
- Remix-basiert, nicht Next.js: Das ist Geschmackssache, aber Next.js hat ein größeres Ökosystem und mehr Entwickler. Wenn Ihr Team bereits Next.js-Erfahrung hat, bedeutet Hydrogen Umlernen.
- Lock-in: Hydrogen ist eng an Shopify gekoppelt. Wenn Sie jemals die E-Commerce-Plattform wechseln wollen, müssen Sie das gesamte Frontend neu bauen.
- Noch jung: Das Ökosystem an Plugins, Templates und Community-Lösungen ist kleiner als bei Next.js.
Alternative: Next.js + Storefront API
Viele Teams nutzen statt Hydrogen lieber Next.js direkt mit der Shopify Storefront API. Das gibt Ihnen:
- Das größere React-Ökosystem
- Vercel als Hosting-Plattform (mit erstklassigem Next.js-Support)
- Mehr Flexibilität bei der Architektur
- Einfacherer Wechsel der E-Commerce-Plattform in der Zukunft
Der Nachteil: Sie müssen mehr selbst konfigurieren. Die Shopify-Integration ist nicht so "plug and play" wie bei Hydrogen.
Die Entscheidungsmatrix
Bewerten Sie Ihre Situation ehrlich:
Headless ergibt Sinn, wenn mindestens 3 der folgenden Punkte zutreffen:
- Ihr Umsatz liegt über 2 Millionen €/Jahr (die höheren Kosten relativieren sich)
- Design ist ein Kernbestandteil Ihrer Marke (nicht nur "sieht gut aus", sondern wirklich differenzierend)
- Sie haben ein internes Tech-Team oder einen festen Entwicklungspartner
- Performance ist geschäftskritisch (messbar: jede 100ms weniger Ladezeit = X% mehr Conversion)
- Sie brauchen echtes Omnichannel (Web + App + andere Touchpoints)
- Ihr Content-Modell ist komplex (Magazin, Storytelling, verschachtelte Landingpages)
Bleiben Sie beim Theme, wenn:
- Ihr Umsatz unter 1 Million €/Jahr liegt
- Ihr Team keine React-Erfahrung hat
- Sie häufig schnelle Änderungen am Shop machen
- Standard-Shopify-Apps einen Großteil Ihrer Funktionen abdecken
- Ihr Differenzierungsmerkmal nicht das Einkaufserlebnis ist, sondern Produkt, Preis oder Service
Der Hybrid-Ansatz: Das Beste aus beiden Welten
Sie müssen sich nicht komplett entscheiden. Ein Hybrid-Ansatz ist oft die pragmatischste Lösung:
- Shopify Theme für den Shop-Kern (Produktseiten, Collections, Warenkorb, Checkout)
- Custom Frontend für spezielle Erlebnisse (interaktive Startseite, Produktkonfigurator, Content-Hub)
So nutzen Sie Headless dort, wo es den größten Mehrwert bringt, und behalten die Einfachheit des Theme-Systems für alles andere.
Technisch umgesetzt
- Custom Pages werden als separate Next.js-App gebaut und über eine Subdomain oder Route-Proxy eingebunden
- Shop-Seiten laufen normal auf Shopify
- Shared Components (Header, Footer) werden über Web Components oder iFrames geteilt
Klingt nach Kompromiss? Ist es auch. Aber Kompromisse sind oft die smarteste Lösung.
Lessons Learned aus echten Projekten
Projekt 1: Fashion-Brand (Full Headless)
Ein Fashion-Label mit starker Markenidentität wollte ein immersives Shopping-Erlebnis. Fullscreen-Videos, parallax-Scrolling, interaktive Lookbooks.
Ergebnis: Die Website sieht fantastisch aus und die Conversion Rate stieg um 18% — aber die Time-to-Market war 4 Monate statt der geplanten 2. Jede Kampagnen-Landingpage braucht jetzt einen Entwickler.
Lektion: Headless lohnt sich für Premium-Brands, die bereit sind, dauerhaft in Frontend-Entwicklung zu investieren.
Projekt 2: Lebensmittel-Shop (Hybrid)
Ein Online-Supermarkt brauchte eine custom Suche mit Ernährungsfiltern und einen Rezepte-Bereich, der Produkte automatisch verlinkt.
Ergebnis: Suche und Rezepte laufen als Headless-Module, der Rest als Shopify Theme. Entwicklungszeit: 6 Wochen statt geschätzt 12 für Full Headless.
Lektion: Hybrid ist oft der pragmatischste Weg.
Projekt 3: Elektronik-Händler (Theme statt Headless)
Ursprünglich sollte es Headless werden. Nach der Analyse stellte sich heraus: Die Anforderungen (Produktfilter, Vergleichsfunktion, Bewertungen) lassen sich alle mit Theme-Customization und Standard-Apps lösen.
Ergebnis: 8 Wochen statt 16, 15.000€ statt 50.000€. Der Shop performt exzellent.
Lektion: Hinterfragen Sie, ob Headless die Lösung für Ihr Problem ist — oder die Lösung auf der Suche nach einem Problem.
Fazit: Die ehrliche Empfehlung
Headless Commerce ist ein mächtiges Werkzeug — aber eben nur ein Werkzeug. Es löst spezifische Probleme (Design-Freiheit, Performance-Kontrolle, Omnichannel) und schafft andere (höhere Kosten, langsamere Iteration, mehr Wartung).
Für 95% der Shopify-Shops ist ein gut optimiertes Theme die bessere Wahl. Für die restlichen 5% — Brands mit einzigartigem Erlebnis-Anspruch, hohem Traffic und dediziertem Tech-Team — kann Headless ein Game-Changer sein.
Die wichtigste Frage ist nicht "Ist Headless besser?" sondern "Löst Headless ein konkretes Problem, das wir mit einem Theme nicht lösen können?"