Das Shopify-Ökosystem in Zahlen
Der Shopify App Store ist ein Ökosystem, das die meisten unterschätzen. Über 12.300 Apps sind derzeit verfügbar — und es kommen jeden Monat rund 250 neue hinzu. Die Entwickler-Community hat seit Bestehen des App Stores über 1,5 Milliarden Dollar verdient, allein 2024 wurden 1 Milliarde Dollar an App-Entwickler ausgezahlt.
87% aller Shopify-Händler nutzen Apps, um ihren Shop zu erweitern. Im Durchschnitt installiert ein Händler 6 Apps — manche bis zu 30.
Trotzdem gibt es einen großen Graubereich: Viele Händler brauchen Funktionen, die keine Standard-App bietet. Individuelle Workflows, spezifische ERP-Integrationen, branchen-spezifische Logik. Hier kommt Custom App Development ins Spiel.
Was sich 2025 grundlegend verändert hat
Das Shopify-Ökosystem entwickelt sich schnell. Wer mit dem Wissensstand von 2023 eine App baut, wird Probleme bekommen. Hier die wichtigsten Änderungen:
GraphQL wird Pflicht
Ab 1. April 2025 müssen alle neuen Apps, die im Shopify App Store eingereicht werden, die GraphQL Admin API verwenden. Die REST API ist zwar noch nicht abgeschaltet, aber Shopify investiert nur noch in GraphQL.
Was das bedeutet: GraphQL ist nicht mehr optional. Und das hat gute Gründe:
- Shopify verarbeitet über 1 Million GraphQL-Queries pro Sekunde
- In den letzten 12 Monaten hat Shopify die Rate Limits verdoppelt und die Kosten für Queries mit Connections um 75% reduziert
- GraphQL unterstützt exklusiv neue Features wie 2.000 Produktvarianten (statt 100 bei REST) und Metaobjects
- GraphQL ist ein echtes Superset der REST API — alles, was REST kann, kann GraphQL auch (plus mehr)
Für bestehende Apps: Noch funktioniert REST, aber der Migrationsdruck steigt. Neue Features werden nur für GraphQL gebaut.
Von Remix zu React Router
Shopify hat den CLI-App-Stack von Remix auf React Router v7 umgestellt (ab der 2025-10 API-Version). Das klingt dramatischer als es ist — React Router v7 ist im Grunde der Nachfolger von Remix (die Projekte sind fusioniert). Aber es zeigt Shopifys Richtung: Weg von eigenen Frameworks, hin zu etablierten Standards.
Checkout Extensibility: Die neue Normalität
Seit 6. Januar 2025 hat Shopify begonnen, Shops automatisch von checkout.liquid auf Checkout Extensions zu upgraden. Das alte Checkout-System wird auslaufen. Für App-Entwickler bedeutet das:
- Checkout UI Extensions sind der einzige Weg, den Checkout anzupassen
- Extensions können an definierten Punkten eingefügt werden: Produktinfo, Versand, Zahlung, Bestellübersicht
- Bis zu 4 verschiedene Farbschemata können konfiguriert werden
- Shopify übernimmt Updates, Bug-Fixes und Sicherheitspatches für den Checkout
Der Vorteil für Entwickler: Weniger Wartung. Shopify kümmert sich um die Checkout-Infrastruktur. Der Nachteil: Weniger Kontrolle. Sie können nur an den vordefinierten Extension Points ansetzen.
Checkout Extensibility hat in Tests eine 1% höhere Conversion Rate im Vergleich zum alten checkout.liquid System gezeigt — das ist signifikant.
Die Technologie-Entscheidungen
Der empfohlene Stack 2025
| Schicht | Technologie | Warum |
|---|---|---|
| Framework | React Router v7 (ehem. Remix) | Shopify-Standard, beste Integration |
| UI | Shopify Polaris + App Bridge | Konsistentes Shopify-Admin-Erlebnis |
| API | GraphQL Admin API | Pflicht ab April 2025 |
| Auth | Shopify OAuth + Session Tokens | Standard, von Shopify CLI vorkonfiguriert |
| Datenbank | PostgreSQL + Prisma ORM | Robust, gut dokumentiert |
| Hosting | Vercel, Railway oder Fly.io | Einfaches Deployment, gute DX |
| Storefront | Storefront API (wenn nötig) | Für kundenseitige Integrationen |
| Serverless Logic | Shopify Functions | Custom Discounts, Shipping, Payment |
Die API-Landschaft
| API | Was sie kann | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Admin API (GraphQL) | Voller Zugriff auf Shop-Daten | Produkte, Bestellungen, Kunden verwalten |
| Storefront API | Lese-Zugriff auf Shop-Daten | Frontend-Widgets, Headless Commerce |
| Checkout Extensions | UI-Anpassungen im Checkout | Zusatzfelder, Upsells, Custom UI |
| Shopify Functions | Serverlose Logik | Custom Rabatte, Versandkosten, Validierung |
| Webhooks | Echtzeit-Events | Bestellung erstellt, Produkt geändert, etc. |
| App Bridge | Admin-UI-Integration | Modale, Toasts, Navigation im Admin |
| Flow Actions/Triggers | Automatisierungs-Bausteine | Eigene Trigger/Actions für Shopify Flow |
Custom App vs. Public App: Die Entscheidung
Custom App — gebaut für einen einzelnen Shop oder eine Organisation:
- Kein App-Store-Review nötig
- Volle API-Zugriffsrechte (kein Scoping nötig)
- Kein öffentliches Listing
- Schnellerer Development-Zyklus
- Ideal für: Interne Tools, ERP-Integrationen, shop-spezifische Features
Public App — veröffentlicht im App Store:
- Durchläuft Shopifys Review-Prozess (4-7 Werktage initial, ca. 2 Wochen gesamt)
- Muss Shopifys Richtlinien entsprechen (Performance, Security, UX)
- Wird über Shopifys Billing API abgerechnet
- Reichweite: Potenziell alle Shopify-Händler
- Ideal für: SaaS-Produkte, skalierbare Lösungen
Der Entwicklungsprozess: Wie ein App-Projekt abläuft
Phase 1: Discovery (1-2 Wochen)
Die wichtigste Phase — und die, die am häufigsten abgekürzt wird. Hier passiert:
- Problem-Definition: Was genau soll die App lösen? (Nicht: Was soll sie können — das ist ein Unterschied)
- User Stories: Wer nutzt die App und was will diese Person erreichen?
- Technische Analyse: Welche APIs brauchen wir? Gibt es Limitierungen?
- Integrations-Mapping: Welche externen Systeme müssen angebunden werden?
- Scope-Definition: Was ist MVP, was ist Phase 2?
Praxis-Tipp: Investieren Sie in dieser Phase lieber eine Woche mehr als eine weniger. Jede Unklarheit, die hier nicht geklärt wird, kostet in der Entwicklung das 5-10-fache.
Phase 2: Architektur & Design (1-2 Wochen)
- Technische Architektur: Datenmodell, API-Design, Infrastruktur
- UI/UX Design: Nach Shopify Polaris Guidelines (für Admin-Oberflächen)
- Prototyping: Klickbare Prototypen für Feedback
- Security-Konzept: Wie werden Daten geschützt? Welche Permissions braucht die App?
Phase 3: Entwicklung (4-12 Wochen)
Hier entsteht die App. Typischerweise in 2-Wochen-Sprints:
- Sprint 1-2: Core-Funktionalität, API-Integration, Datenmodell
- Sprint 3-4: UI, Business-Logik, erste Integration Tests
- Sprint 5-6: Edge Cases, Performance-Optimierung, Error Handling
- Fortlaufend: Code Reviews, automatisierte Tests, Staging-Deployments
Phase 4: Testing & Review (1-3 Wochen)
- Funktionale Tests: Alle User Stories durchspielen
- Performance-Tests: Lighthouse Scores, API Response Times
- Sicherheits-Audit: Especially für Apps, die mit Kundendaten arbeiten
- Kompatibilität: Verschiedene Shopify-Pläne, Browser, Bildschirmgrößen
- App Store Review (bei Public Apps): Shopify prüft Performance, Security, UX und Billing
Phase 5: Launch & Iteration
- Deployment und Monitoring
- Shopify aktualisiert APIs regelmäßig — Sie müssen Schritt halten
- Feature-Requests von Nutzern priorisieren
- Performance-Monitoring und Optimierung
Realistische Kosten und Zeitrahmen
Hier die ehrlichen Zahlen, basierend auf Marktdaten und Erfahrungswerten:
Entwicklungskosten nach Komplexität
| Komplexität | Beschreibung | Zeitrahmen | Kosten |
|---|---|---|---|
| Einfach | Dashboard-Widget, einfache Automatisierung, Single-Feature-App | 4-8 Wochen | 5.000-15.000€ |
| Mittel | Tracking-App, Kundenportal, Multi-Feature mit 1-2 Integrationen | 8-12 Wochen | 15.000-25.000€ |
| Komplex | Multi-Integration, KI-Features, Custom Checkout Extensions | 12-20 Wochen | 25.000-50.000€ |
| Enterprise | KI/ML-Features, komplexe ERP-Integration, hohe Skalierung | 6+ Monate | 60.000-150.000€ |
Was die Kosten treibt
API-Integrationen sind der größte Kostentreiber. Jede externe API (ERP, CRM, Logistik, Zahlungsanbieter) bringt eigene Dokumentation, Authentifizierung, Error Handling und Edge Cases mit. Eine SAP-Integration allein kann 4-8 Wochen Entwicklungszeit verschlingen.
Skalierbarkeit macht einen großen Unterschied. Eine App für einen einzelnen Shop ist fundamental anders architected als eine, die 10.000 Shops gleichzeitig bedienen muss. Datenbank-Design, Caching, Queue-Management, Multi-Tenancy — all das kostet Entwicklungszeit.
Shopify-spezifische Compliance für Public Apps: Shopifys Review-Richtlinien sind streng. Performance wird anhand von Lighthouse Scores bewertet. Billing muss über Shopifys eigene API laufen. Das erfordert Erfahrung mit dem Ökosystem.
Laufende Kosten
App-Wartung kostet typischerweise 15-20% der initialen Entwicklungskosten pro Jahr. Bei einer 50.000€-App sind das 7.500-10.000€ jährlich für:
- Shopify API-Updates nachziehen
- Security Patches
- Bug Fixes
- Performance-Monitoring
- Infrastruktur-Kosten (Hosting, Datenbank)
Die Ökonomie von Public Apps
Für Entwickler, die eine Public App in den App Store bringen wollen, hier die wirtschaftliche Realität:
- Durchschnittlicher Jahresumsatz eines App-Entwicklers: 93.000€
- Median: Nur 8.700€/Jahr — die Verteilung ist extrem ungleich
- Die Top 0,18% der Entwickler verdienen über 1 Million Euro jährlich
- Aktuell haben 7.874 Shopify-Partner mindestens eine App im Store
Das bedeutet: Der App Store ist kein schneller Weg zum Geld. Es ist ein kompetitiver Markt, in dem eine Handvoll Apps den Großteil des Umsatzes machen. Wer eine Public App baut, braucht einen klaren Nischen-Vorteil und eine Marketing-Strategie.
Worauf Sie bei einem Entwicklungspartner achten sollten
Die kritischen Faktoren
1. Shopify-spezifische Erfahrung: Ein guter React-Entwickler ist nicht automatisch ein guter Shopify-App-Entwickler. Shopify hat eigene Patterns, eigene APIs, eigene Deployment-Workflows und eigene Review-Richtlinien. Fragen Sie nach konkreten Shopify-App-Projekten.
2. GraphQL-Kompetenz: Ab April 2025 ist GraphQL Pflicht. Wenn Ihr Entwicklungspartner noch primär mit REST arbeitet, ist das ein Warnsignal.
3. Verständnis für das Billing-System: Shopify hat eigene Regeln für App-Abrechnung. Public Apps müssen über die Shopify Billing API abrechnen. Das klingt trivial, hat aber Tücken (Usage-Based Billing, Free Trials, Plan-Upgrades).
4. Post-Launch-Support: Fragen Sie, wie der Support nach dem Launch aussieht. SLAs, Reaktionszeiten, Update-Zyklen. Eine App ohne Wartung ist eine App auf dem Weg zum Veralten.
5. Transparenter Prozess: Regelmäßige Demos, klare Meilensteine, nachvollziehbare Zeiterfassung. Wenn ein Entwicklungspartner nicht bereit ist, seinen Prozess offenzulegen, ist das ein Problem.
Die wichtigste Erkenntnis
Die größte Gefahr bei der Shopify-App-Entwicklung ist nicht technisches Scheitern — es ist Scope Creep. Apps, die als "kleines Tool" starten und dann immer mehr Features bekommen, bis Budget und Timeline gesprengt sind.
Definieren Sie ein klares MVP. Bauen Sie das. Testen Sie es mit echten Nutzern. Und erweitern Sie dann basierend auf Feedback — nicht auf Vermutungen. Die besten Apps lösen ein einziges Problem exzellent, statt zehn Probleme mittelmäßig.